Mit gutem Grund kann sich die Stadt Bonn zu einem gelungenen Strukturwandel beglückwünschen. Der Übergang vom ehemaligen Regierungssitz mit den dazugehörigen Ministerien und ihren Beamten zur dynamischen Dienstleistungsmetropole und zum einzigen deutschen Standort für die UNO und viele weitere internationale und nationale Unternehmen und Organisationen aus den Bereichen Umwelt und Entwicklung, Wissenschaft, Kultur und Medien nimmt immer greifbarere Gestalt an.
Mit der bevorstehenden offiziellen Einweihung des UN-Campus und der für 2008 geplanten Fertigstellung des Internationalen Kongresszentrums Bundeshaus Bonn (IKBB) wird das „Herz des internationalen Bonn zwischen Heussallee und Rhein“, also dem ehemaligen Regierungsviertel, mit neuem Takt schlagen. Bevor sich allerdings Bonn tatsächlich zu einem Zentrum für den Internationalen Diskurs entwickelt, müssen noch einige Stolpersteine überwunden werden. Die kurzen Wege zwischen den daran beteiligten Institutionen und Organisationen werden noch nicht schnell genug beschritten; noch herrscht ein ausgeprägter Hang zur Autozentriertheit bei den Organisationen vor, ist man bemüht, das jeweils eigene Profil in Abgrenzung von den anderen zu schärfen. „Corporate Identity“ rangiert vor der anstrengenden Suche nach einer kollektiven, den eigenen Standpunkt relativierenden Standort-Identität.
Zu einem wirklichen Kraftfeld für den Internationalen Diskurs und für Zukunftsthemen wird die Stadt u.E. erst werden, wenn es gelingt, organisationsspezifische Interessen und Ängste abzustreifen und die hier versammelte Kompetenz in einen offenen und fairen Wettbewerb der Ideen und Lösungsvorschläge zu den wichtigen Gegenwartsfragen treten zu lassen.
An vorderster Stelle sind hier sicherlich Fragen nach den Folgen einer ungesteuert dahinrasenden Globalisierung und sachzwanghaften Modernisierung zu nennen, aber auch nach Auswegen aus einer krisenhaften Energiepolitik, nach dem Stellenwert des Völkerrechts und der Menschenrechte in Zeiten globaler Verunsicherung oder nach der Durchsetzbarkeit weltweit verbindlicher Standards in den lebenswichtigen Feldern Arbeit, Gesundheit und Habitat.
Zur Beantwortung all dieser Fragen sollte allerdings nach unserem Dafürhalten darauf geachtet werden, dass der Erfahrungsreichtum großer Teile der Bonner Bürgerschaft so weit wie möglich einbezogen wird, allerdings nicht nur als „Botschafter“ (A. Eickhoff im GA vom 16.05.2006), sondern als IdeengeberInnen und Fachleute: In Bonn leben einige tausend Menschen, die langjährige Erfahrungen im und mit dem Ausland gesammelt haben, gar nicht erst zu reden von den ca. 40.000 nichtdeutschen MitbürgerInnen, die ihre besonderen Beziehungen zu ihren Herkunftsländern in der Regel weiterpflegen. Auch hierin liegt ein wesentlicher Anteil des internationalen Know-Hows in dieser Stadt, das abgerufen werden will.
Kommunen als den Bürgerinnen und Bürgern am nächsten stehende politische Einheiten spielen in der Halt- und Orientierungslosigkeit produzierenden, zusammenwachsenden, zugleich aber auch auseinander driftenden Welt eine zunehmend wichtigere Rolle. In ihnen verdichten sich wie in einem Brennglas die globalen Probleme, betreffen sie nun die Klima schädlichen Schadstoffemissionen, den möglichst effizienten Umgang mit Energie, die Mobilitäts- und Transportprobleme, die Nahrungsmittelsicherheit oder die Gesundheitsversorgung. Die strukturellen Arbeitsmarktprobleme finden hier ebenso ihren direkten Niederschlag wie der Umgang mit fremder und eigener Kultur. Für die große Mehrheit der EinwohnerInnen eines Landes wird Lebensqualität hier noch am direktesten erlebt, wird sie gestaltet oder verunstaltet.
Der Wettbewerb der Kommunen um potente Investoren nimmt in Zeiten schmaler werdender öffentlicher Haushalte drastisch zu. Als Wirtschaftsstandort ist Bonn mit seinen hier ansässigen Unternehmen bereits relativ gut aufgestellt. Mindestens genauso wichtig für die Attraktivität eines Standortes ist jedoch auch der Wettbewerb um positive Attribute wie Weltoffenheit, Gastfreundlichkeit, Freizeitwert, Kinder- und Altenfreundlichkeit, Kulturbemühen sowie das Erreichen eines möglichst hohen Nachhaltigkeitsstandards. Bonn hat hier ein großes Potenzial, auf dem aufgebaut werden kann.
Hearing
Internationales Konzept der Stadt Bonn
Ablauf des Hearings
Bilder des Abends