Drei Wochen vor den vorgezogenen Bundestagswahlen versammeln wir uns mal wieder hier auf dem Marktplatz, um der Bonner Bevölkerung zu zeigen, dass SOLIDARITÄT nicht nur ein großes Wort ist, das sich hervorragend für salbungsvolle Wahlkampfreden eignet, sondern auch ein Lebensgefühl ausdrücken kann, das mit dem rheinischen "Spaß an der Freud" gewisse Ähnlichkeiten aufweist, von dem angelsächsischen "Just for fun" jedoch klar abzugrenzen ist.
Wir
haben den Tag unter das provokante Motto "Solidarität ist geil!" gestellt,
um Denkanstöße darüber auszulösen, wie es um den Begriff in der heutigen Zeit
eigentlich bestellt ist. Wir sehen, dass der natürliche Impuls, es sich in
tätiger Gemeinschaft mit anderen gut gehen zu lassen, sich gegenseitig zu
unterstützen und zu helfen, aufeinander Rücksicht zu nehmen, ständig weiter
zurückgedrängt wird zugunsten eines berechnenden Verhaltens, das nur auf den
eigenen Vorteil bedacht ist, das nur die eigenen Interessen kennt und dessen
Träger bei der Durchsetzung dieser Interessen auf die der anderen fröhlich
pfeift. Rücksichtnahme oder gar die Zurückstellung der eigenen Bedürfnisse
und Interessen wird leicht als Schwäche oder gar Dummheit ausgelegt in dem
herrschenden und täglich an Schärfe zunehmenden Kampf des Jeder gegen Jeden
/ Jede gegen Jede.
Die hier versammelten Organisationen wissen um das Glücksgefühl, das einen erfassen kann, wenn nach langwierigen abendlichen Diskussionen endlich ein Durchbruch bei der Planung einer gemeinsam zu verantwortenden Aktion gelungen ist, einer Aktion, die nicht mit irgendeinem wirtschaftlichen Nutzen für sie selbst verbunden ist, sondern die darauf ausgerichtet ist, mehr Verständnis und Empathie für die Probleme anderer zu wecken und dadurch auch zu einem kleinen Teil zu deren Lösung beizutragen. Jede Informations- oder Diskussionsveranstaltung, in der bisher unerhörte Gedanken frei von Zensur und Angst ausgesprochen werden konnten, jede auch noch so unbedeutende Hilfsaktion, die ihre Adressaten auch tatsächlich erreicht, jedes erfolgreiche Aufbegehren gegen die leider sehr weit verbreitete Ignoranz und Arroganz der Mächtigen schafft ein Quäntchen Befriedigung und gibt einem immer wieder die Sicherheit, dass man nicht völlig allein ist in dem gedankenlosen Strom der Zeit, gegen den man sich als Einzelner nur mit wenig Aussicht auf Erfolg stemmen kann.
Der Strom der Zeit - oder auch Mainstream - verkündet "Geiz ist geil". Der Slogan entspricht der Schnäppchenjäger-Mentalität jener, die bei den früheren Sommer- oder Winterschlussverkäufen lange vor Öffnung der Warenhäuser Schlange standen und sich schließlich an den Wühltischen veritable Raufereien lieferten, um die günstigsten Angebote zu ergattern. Im Zeichen der heute weitgehenden Deregulierung und des kaum mehr zu kontrollierenden Preiskampfes das ganze Jahr über hat sich dieses Phänomen ein wenig entzerrt. Die Wühltische sind den individualisierenden Bildschirmen und deren immensem e-bay-Angebot gewichen. Er entspricht auch den Heerscharen blinder Last-Minute-Flieger, die ihre Reisen nach dem angebotenen Preis, nicht nach dem bevorzugten Urlaubsort auswählen. Geil ist der Preis, nicht der Inhalt einer Ware.
Wenn wir nun Solidarität mit dem gleichen Attribut belegen, klingt das manchen als völlig verfehlt, und doch ist damit bereits die beabsichtigte Wirkung erzielt. Dahinter steht ja nicht einfach die Lust an der Provokation - wie sie möglicherweise bei den Schöpfern der sarkastischen Plakataktion "Armut ist geil!" im Vordergrund gestanden haben mag -, sondern wir verbinden damit auch den Anspruch, die attraktive Seite der Solidarität zu betonen. "Solidaritäter" haben wahrlich keine Veranlassung, ständig nur mit ernster Miene, in Sack und Asche und mit gebeugtem Kopf in der Gegend herumzulaufen, sondern es gilt, viel offensiver die Ziele solidarischen Verhaltens öffentlich zu vertreten. Erstens kann mit gelebter, nicht nur gepredigter Solidarität tatsächlich ein hohes Maß an Wohlbefinden verbunden sein, zweitens kommt es uns auch darauf an, den Begriff aus der Mottenkiste der Barmherzigkeit mit den Hilflosen und Opfern, aus dem Ruch des Almosen für die Unterentwickelten und Hungernden herauszuholen. Solidarität ist tätige kollektive Auseinandersetzung mit den bestehenden Verhältnissen, ist die Fähigkeit des Zuhörens und Mitdenkens, und es ist die gemeinsame Anstrengung beim Erarbeiten von Entwürfen für eine Welt, in der viele Welten Platz haben, in der Ausgrenzung, Rassismus und Gewalt keine Chance haben, die Vorherrschaft zu erringen.
In drei Wochen werden wir wissen, wer die politische Verantwortung für die weitere Entwicklung dieses Landes für die nächsten 4 Jahre übernehmen wird. In drei Wochen soll auch in Afghanistan erstmals seit Jahrzehnten ein Parlament gewählt werden, das die Geschicke dieses gebeutelten Landes mitbestimmen wird. Dass die Bedingungen für diese beiden Wahlen unterschiedlicher nicht sein können, brauche ich hier nicht zu erläutern. Worauf es mir allerdings zu betonen ankommt, ist, dass wir als Bonner, denen täglich in der U-Bahn oder an anderen öffentlichen Plätzen ein großflächiges Plakat mit der Aufschrift "Bonner helfen Afghanistan" entgegenstrahlt, am 18. September in der Abgeschiedenheit der Wahlkabine auch ein gedankliches Kreuzchen machen für ein Volk, das nach jahrzehntelangem Krieg und Besatzung auch heute noch nicht zur Ruhe kommt, aus naheliegenden Gründen. Den Inline-Skatern, die heute einen Benefizlauf für Afghanistan durch die Rheinaue starten, wünsche ich so viel Energie, dass sie auch nach den erlaufenen Kilometern noch die Kraft finden, sich über die tatsächliche Situation in dem geschundenen Land zu informieren. Damit übergebe ich das Wort an den Vertreter der Stadt Bonn, Herrn Bürgermeister Peter Finger.
Pressemitteilung zum Eine-Welt-Tag 2005
Bilder vom Eine-Welt-Tag 2005